‘Hosen runter’ nennt man das bei Sinnbus; heißt, man hat für on3 Zahlen offengelegt, anhand von Bodi Bill; was verdient wer an einem Album, je nachdem über welchen Vertriebsweg das geschieht ist das unterschiedlich wenig; die genauen Zahlen sieht man hier. Eingebettet ist das Hosenrunterlassen bei on3 in die gesamte, und ja auch schon eher alte Frage (eigentlich mag man da nicht mehr drüber reden, müßig das…) danach, warum man denn überhaupt noch für Musik bezahlt. Dazu gibt es zwei hörenswerte Sendungen, die erste befasst sich mit ‘der Abmahnindustrie’, die zweite dann vor allem mit der Produzentenseite, wo dann eben auch oben erwähnte Offenlegung eingebettet ist; Und all das lässt doch ein bisschen nachdenken; exemplarisch also einige Gedanken zu meinem persönlichen Musikkonsum; als Rahmen sei das Jahr 2011 gewählt.
“Die neue Massenfotografie hat mit der alten Kunstfotografie nichts zu tun. Die Kategorien haben sich verkehrt. Ausdrucksformen, die von den Vertretern der Hochkultur als niedrig, vulgär und kitschig verachtet wurden, werden plötzlich bedeutungsvoll: Familienfotos, Haustierfotos, Blumenfotos, Safarifotos usw. Immer neue Kategorien entstehen. Es gibt nichts, was man nicht fotografieren kann. Es wird auch bald nichts mehr geben, was nicht schon fotografiert worden wäre. Es gibt vor allem keine schlechten Bilder mehr. Jedes Bild ist ein gutes Bild. Alle haben entdeckt, daß man mit Fotos sein Leben reproduzieren kann. Das Vergnügen am Foto wächst ständig. Da alles fotografierbar ist, verliert die Welt auch den Reiz des Einmaligen und ihren absoluten Wert.”
[Michael Schirner: Diskontinuität (›Stil ist, was ich bestimme‹). In: Stilwandel als Kulturtechnik, Kampfprinzip, Lebensform oder Systemstrategie in Werbung, Design, Architektur, Mode. Hrsg. von Bazon Brock und Hans Ulrich Reck, Köln 1986.]
Eingeladen zur nächsten Diskursstunde: Walter Benjamin und die Aura, via Neunzehnfünfundreißig.
Das Problem ist: Ich habe inzwischen einen Frame für das, was tagtäglich auf uns einstürmt.
Nennen wir ihn mal: Weheartit-Frame. Und mit Frame meine ich nicht das HTML-Frameset, falls das überhaupt noch irgendwo angewendet wird. Aber es soll hier ja gar nicht um technische Aspekte und Fortschrittlichkeiten gehen.
Es geht um Ästhetik.

Aber zunächst einmal geht es um den Frame. Um den des Erving Goffman, dessen Werk “Frame Analysis” 1965 erschien. Das Ganze mal runter gebrochen, denn wir sind hier nicht im Soziologieseminar:
Der Frame ist der Rahmen, in dem wir etwas wahrnehmen. Es geht um kulturelles Vorwissen, die Vorprägung, die Erwartung. Wenn wir ins Theater gehen, dann ist das, was wir sehen, Theater, weil wir erwarten, dass wir Theater sehen. Auf der selben Bühne kann auch ein Konzert stattfinden. Dann gehen wir ins Theatergebäude, aber was wir sehen, ist ein Konzert. Weil wir wissen, dass wir uns für den Abend Konzertkarten gekauft haben.
In unserem Kopf also haben wir verschiedene Frames, ich stelle mir das mal so vor wie Dias, und bestimmte Reize bewirken, dass ein bestimmtes Dia vorgeschoben wird, was uns dann das, was wir wahrnehmen, unter gewissen Prämissen betrachten lässt.

Der Weheartit-Frame hat sich entwickelt in mir, zwangsläufig, aufgrund der Massen an (Bild)informationen, die sich tagtäglich über uns ergießen. Das geschah natürlich unbewusst freiwillig. Sind nette Bildchen, man speichert sie ab, sie gefallen. Es sind täglich überbordende Mengen. Tumblr, Flickr, Weheartit, Fffound, you name it. Die Bilder, Texte, Filmchen bleiben nicht auf ihrer Plattform, sie werden weitergetragen, von diesem Tumblr in jenen Blog, von dort getwittert, bei Facebook ‘gelike-t’, die Prozesse muss man im Grunde ja niemandem erklären.
Und während der Weheartit-Strom durch meinen Kopf rauschte, entstand da ein Frame.
Sobald ich den Rechner anmache, sobald ich einen Blog anklicke, wird der Frame aktiviert. Alles ist schonmal gesehen, in irgendeiner Weise. Es geht gar nicht mehr darum, ob ein Bild auf mich künstlerisch wertvoll wirkt, ein Text poetisch.
Ich kann es alles nicht mehr lesen, sehen, hören, der Frame verhindert es. Ich stelle auf Durchzug, Es verschwimmt alles zu einem Brei.
Das Traurige ist, dass es eigentlich funktionieren könnte. Würde sich der Frame aktivieren, der sich aktiviert wenn ich ein Photoalbum durchblättere, dann wäre es etwas ganz anderes, einen Tumblr durchzuklicken.
Aber Goffmans Rahmen aktivieren sich unbewusst. Eigentlich helfen sie uns, Dinge einzuordnen, zu bewerten, sinnhaft erscheinen zu lassen.
Der Weheartit-Frame hat die eher umgekehrte Wirkung. Alles wird eins, Einordbarkeit obsolet, Sinn wird gar nicht erst erwartet. Und doch ist er irgendwie notwendig, aufgrund der Unmengen an Eindrücken, die sonst über einen herfallen würden. Die Vereinheitlichung durch den Weheartit-Frame beugt der totalen Reizüberflutung vor.

Und dann blicke ich mich in meinem Zimmer um, an die Wand habe ich Worte gemalt, in meinem Kopf wird ein Bild daraus, welches – einmal durch Photoshop gejagt – auf einen Tumblr getragen werden könnte und von dort aus seinen Siegeszug um die Welt antreten würde. Mit Freunden sitze ich an einem See, in einem Park, auf einem Dach, es ist egal, ab und an aktiviert sich der Weheartit-Frame, bedeutungsschwere Worte drängen sich in meinen Kopf, sie entstehen in schwarzen Helveticalettern auf weißem Grund.

