Soft Targets: Helgi Jónsson

Helgi Jónsson

Der Mensch krankt an der Krise. Vor allem in der gebeutelten Republik im Nordatlantik spürt man das Elend an jeder Ecke. Island kriecht benommen zwischen den eigenen Geysiren und Hügeln und dramatischen Tälern auf und ab. Die mainstreamige Musikindustrie hatte es hier noch nie leicht, und Plastik-Pop kennt man quasi nur vom Hören-Sagen. Während Künstler weltweit den Untergang der Musikindustrie bedauern schleudert ein kleiner Isländer, namens Helgi Hrafn Jónsson höchst geheimnisvolle, akribische vertonte Soundexperimente von der kühlen Insel aufs europäische Festland, und erzählt vom Wesentlichen und Tatsächlichen, und was uns immer wieder zurückwirft um uns im nächsten Moment wieder aufzuhelfen - aus den knietiefen und viel zu engen Räumen, um neuen Raum zu geben für freies Atmen. “I’m steppin’ out” nennt Helgi Jonnsson den Schritt in die Freiheit, und während er durch sein neues Album “The Rest of my Childhood” wandert, verspinnt er ein ganz kleines Geflecht aus Text und Ton und Song zu einem stetig wachsenden, und in seiner Vielfalt blühend-orchestralen Flüstervibrato. So schleicht der Isländer mit seinen Texten um die Töne, die er klimpert bis die Texte den Tönen gehorchen. Dafür erfindet er auch schon mal einen wirren Sprachklangmix aus englischem Isländisch und hofft, dass es keiner merkt. Textlich tut sich das schimmernde Nordlicht mitunter schwer die feinen und fragilen Töne, die ganz plötzlich höchst anmutige und fast klassisch wirkende Pfeilspitzen in das Ohr des Zuhörers befördern, einzufangen und zu bändigen. Doch gerade die kantige und rauhe Fragilität in Text und Stimme harmonieren auf eine ganz spezielle Art und Weise mit dem sparsam arrangierten Instrumentarium, und prädestinieren “For the Rest of my Childhood” geradezu zum Soundtrack, der in einem herbstlichen Blätterwelt erklingt, in dem sich die Menschen ganz langsam aus der Starre einer Krise befreien, und das Tragische, Geheimnisvolle und unverhofft Echte Revue passieren lassen, um am Ende dieser fabelhaften selbstreflektorischen Reise den Repeat-Knopf zu drücken. Genau das darf man ab dem 9. Oktober gerne in Endlosschleifen tun, dann nämlich erscheint die Soundcollage “For the Rest of my Childhood” (Sevenhalf).

An der Spree spielt Helgi am 29.11 live vor einer überaus passendes Kulisse des Admiralpalastes. Weitere Tourdaten gibt’s nach dem Klick. Tonale Hörfreuden wie immer bei myspace..

helgijonsson.com

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