Fusion 2009 - Die Notizen
Es wäre eine Anmaßung in Gänze beschreiben zu wollen, was in den letzten Tagen in Lärz passiert ist. Deshalb jetzt die Essenz dessen, was sich an Erfahrungskonzentrat herauspressen ließ. Vorab sei gesagt, dass die Karten für die Fusion im nächsten Jahr begrenzt sein werden, also ist frühzeitiges Kaufen angeraten. Über 80.000 (schätzungsweise) Menschen sind einfach zuviel, selbst für ein riesiges Gelände, wie dieses.
EF
Abendlich emotionaler Auftakt. Am Anfang lang und sphärisch, am Ende Postrock-Gewitter vom Feinsten. Volles Haus im Luftschloss, welches ich für den Rest des Festivals nicht mehr betreten habe, weil es mir einfach zu warm war.
Krause Duo DJ Set
Ankommen, nachdem schon eine Stunde Set gelaufen war. Erzählt bekommen, man habe etwas verpasst, um schlussendlich diese Aussage durch das Duo innerhalb der nächsten anderthalb Stunden dekonstruieren zu lassen. Sehr ausgewählt und tanzbar. Genau richtig, um nach einer langen Nacht und drei Stunden Schlaf am Nachmittag weiterzumachen. Schön auch die Jungs hinterm Pult zu beobachten. Ein Bild für sich.
Talking To Turtles
Auftritt im Casino, wo sonst eher Hörspiele laufen. Sehr kleine Bühne im geschlossenen Raum, atmosphärisch unterstützt von Projektionen an der Decke, bei gedämpftem Licht. Überall lagen und saßen Menschen, wenn sie konnten, da es nach und nach immer voller wurde. Technisch einwandfrei und unglaublich überzeugend spielte sich Florian unterstützt von den beiden anderen in die Herzen der Menschen. Am Ende ein wahnsinniger Applaus und leider keine Zugabe, da man schon mit Verzögerung angefangen hatte. So schön, dass einem die Tränen kamen.
Stimming Live
Turmbühne am frühabendlichem Samstag. Die Sonne macht sich an hinter dem Hangar zu verschwinden. Warme Houseflächen zaubern den Menschen ein Lächeln auf das Gesicht und Bewegung in die Beine. Als eine Viertelstunde vor Schluss die spanische(?) Frauenstimme aus “Una Pena” erklingt geht ein Ruck durch die Menge und während der Beat einsetzt herrscht ein gemeinsamer Wille: Her mit dem schönen Leben.
Kombinat 100 Live
Wahrscheinlich eher aus meiner eigenen Befindlichkeit heraus bin ich der Meinung, dass man bei einem Auftritt von Kombinat 100 automatisch gute Laune bekommt. Etwas anderes ist an und für sich nicht möglich. Vielleicht liegt es auch daran, dass mich “Wege übers Land” das letzte Jahr über begleitet hat und zum Soundtrack meines Sommers wurde. Also auf zur Seebühne, wo wenige Minuten zuvor noch die die Wighnomy Brothers schallerten.
Was anfangs noch ein wenig monoton und teilweise verfrickelt daher kam, schlug sich nach und nach in einem ausgelassenen Publikum nieder. Als dann nach einem riesigen Spannungsbogen das erste Mal das Akkordeon ertönte wurde die Seebühne zum Kinderspielplatz. Immer wieder flogen Bälle und andere Sachen durch die Luft. Mit gelegentlichen Neuinterpretationen alter Klassiker gab man sich in Sachen postmoderner Verwertungskultur entspannt. “Paint It Black” ist, neben den gefühlten Kinder- und Weihnachtsliedern, die miteinflossen, wohl eins der schönsten Beispiele. Nach zwei Zugaben entließ man die Rostocker Jungs dann unter einem herzerwärmendem Applaus in die wohlverdiente Siesta.
Saint Pauli Dj Set
Fidget-House-Dröhnung vom Feinsten. Geballer und Feierei. Mir persönlich zu dem Zeitpunkt, nach Kombinat 100 am Sonntag, viel zu doll, aber Anklang fand es trotzdem
Micronaut Live
Nachdem Stefan alias Micronaut schon bei Talking To Turtles zu einem hervoragendem Auftritt beitrug, gab sich das musikalische Multitalent dann als letzter Act, nach der Brachialität von Saint Pauli, auf der Tanzwiese die Ehre. Am Anfang stand ich noch genau vor der “Bühne”, welche aufgrund des massiven Equipments mit einem extra Tisch nach vorne ausgelagert werden musste, da ansonsten nicht genügend Platz vorhanden war. Irgendwann kam aber der Punkt an dem ich tanzen wollte, was mir einfach nicht möglich war, da man ihm unweigerlich auf die Finger gucken musste, wenn er im Blickfeld war. Musikalisch wurde eine sehr eigene Mischung aus Drum’n Bass, Downbeat und einer Prise Sphärik geboten. Da aber die Jungs vor ihm ewig überzogen haben, musste er frühzeitig zu einem Ende kommen. Die Leute hätten ihnen auch noch ewig weiterspielen lassen.
Kino: The Fall
Der indische Regisseur Tarsem Singh (The Cell) liefer mit The Fall einen Genre-Mix ab, welcher seines gleichen sucht. Der Film wartet mit einer Geschichte auf, die so berührend daherkommt, wie nur irgendmöglich:
Ein kleines Mädchen lernt im Krankenhaus einen Mann kennen, welcher ans Bett gefesselt ist. Dieser fängt an ihre eine Geschichte zu erzählen, welche als Spiegelbild seiner Psyche fungiert. Diese handelt von sechs mystischen Helden, deren Plan es ist einen korrupten Gouvernour umzubringen, da er sie auf eine einsame Insel mitten im Ozean verbannt hat. Während die Geschichte fortschreitet verwischen langsam die Grenzen zwischen Realität und Fiktion.
Tarsem Singh schafft es mit seiner Erzählweise völlig zu fesseln und lässt einen als Zuschauer in eine Abenteuerwelt gleiten, bei der man nicht sicher sein kann, wohin die Reise denn nun geht. Unterstützt wird dieses von der Epik der Bilder, welche einem, unter anderem durch riesige Panorama-Aufnahmen, den Atem raubt. Es empfiehlt sich, wenn möglich, den Film auf großer Leinwand zu schauen. Ein absolutes Muss für alle Cineasten.
Kino: Not A Love Song
Helge Schneider erzeugt in seinen Filmen viel Humor durch subtile Tristesse. In “Not A Love Song” hat der Regisseur Jan Ralske diese Funktion dem Scheitern zugewiesen. Mit Bildern, die in ihrer Art und Weise eine wunderbare Hommage an James Dean sind, erzählt Ralske die Geschichte des Versagers Bruno (Lars Rudolph), welcher nach einem kompletten Bankrott in einem kleinen Dorf nahe der polnischen Grenze landet. Dort trifft er auf Karl (Matthias Freihof) und Luise (Anna Tahlbach), welche versuchen ein kleines Bistro an einer Bahnstrecke zu eröffnen, an der allerdings keiner der Züge hält.
Innerhalb einer skurrilen Dreiecksgeschichte, welche durch die extremen Charaktere der drei Hauptdarsteller geprägt ist, erzeugt Ralske immer und immer wieder negative Höhepunkte, indem er die Figuren, ähnliche Aki Karusmäki, stetig scheitern lässt. Getrieben von einer Sehnsucht sind sie gefangen in einem Jetzt, welches in keinster Weise ihren eigenen Erwartungen entsprechen kann. Allerdings sind sie gleichzeitig darüber bewusst, dass es keine Möglichkeit gibt, dieser Situation zu entfliehen. So bleibt als einziges das Streben nach einer unerfüllten Hoffnung.
Die Rolle des Brunos mit Lars Rudolph zu besetzen, war wahrscheinlich das Beste, was diesem Film passieren konnte. Mit einer unglaublich gut gespielten Unambitioniertheit wird die Rolle zum dem Antiheld, welchen der Film braucht, um in seiner minimalen Weise zu funktionieren. Das emotionale Gegenstück findet Bruno in der cholerischen Träumerin Luise, welche auf ihre kokette Art und Weise mit ihm anbändelt, obwohl sie in den festen Händen von Karl ist. Das Dilemma ist also vorprogrammiert.

